Vor wenigen Tagen kündigte die Europäische Kommission einen neuen Vorschlag für einen EU-weiten Unternehmensrahmen an, der die Gründung und das Wachstum von Startups in ganz Europa erleichtern soll. Die Idee ist einfach: weniger Bürokratie, schnellere Unternehmensregistrierung und ein startupfreundlicheres Umfeld in allen EU-Ländern. Die Maßnahme zielt darauf ab, Innovation, Unternehmertum und Wirtschaftswachstum zu fördern – und auf dem Papier klingt sie nach einem großen Fortschritt.
Die Ankündigung wirft aber auch eine größere Frage auf: Was passiert, wenn jeder dazu ermutigt wird, ein Unternehmen zu gründen? Wenn Unternehmertum zum Ziel für jeden wird, wer hält dann die Gesellschaft am Laufen?
Man scrollt durchs Handy und hat den Eindruck, als sei über Nacht jeder zum Unternehmer geworden – ob Kursanbieter, Dropshipping-Anbieter, Freelancer oder Gründer. Und alle scheinen das vom Strand aus zu machen, aus einem riesigen Haus in L.A., einer Villa, neben einem Ferrari, während ich hier sitze, ein Student der Luft- und Raumfahrttechnik, versuche, Analysisaufgaben zu lösen und das schon als produktiven Tag zu bezeichnen, und darauf warte, dass mir eine Firma sagt, dass ich vielleicht eines Tages gutes Geld verdienen werde.
Irgendwann hat Social Media in unserer Generation das Gefühl erzeugt, dass es ein Versagen ist, für jemand anderen zu arbeiten, während es ambitioniert ist, selbstständig zu sein. Aber kann wirklich jeder ein Gründer sein?
Die Startup-Kultur war einst der Motor des gesellschaftlichen Fortschritts, der Innovationen, Risikobereitschaft und die Lösung realer Probleme vorantrieb. Unternehmen wie Airbnb, Spotify, Apple, Microsoft, SpaceX und Google begannen alle als Startups und prägen heute unsere Kommunikation, Arbeit, Reisen, Einkäufe und den Zugang zu Informationen. Ohne Startups gäbe es viele der Technologien und Dienstleistungen, die wir für selbstverständlich halten, nicht. Unternehmertum bedeutete im Kern nie nur Geldverdienen – es ging darum, etwas Nützliches zu schaffen, das es vorher nicht gab, und die Gesellschaft voranzubringen.
Ich hoffe, dass ich eines Tages ein Unternehmen gründen kann, das ein echtes Problem in meinem Fachgebiet löst. Mir ist aber auch bewusst, dass ich das Problem, das ich lösen möchte, zunächst gründlich erforschen muss, bevor ich eine Lösung entwickeln kann.
Soziale Medien haben die Bedeutung des Begriffs Unternehmertum jedoch schleichend verändert – von der Produktentwicklung und Problemlösung hin zum Aufbau persönlicher Marken und der Jagd nach Klicks. Und genau hier gerät die Logik der „Unabhängigkeit“ ins Wanken.
