„Ich vertraue den Medien nicht.“

Unter aserbaidschanischen Jugendlichen ist dieser Satz weder eine Provokation noch eine politische Aussage. Er wird ruhig, oft ohne Betonung ausgesprochen und meist von einer Handlung gefolgt: Telegram öffnen, durch Instagram scrollen, auf YouTube klicken oder eine Nachrichtenseite aufrufen.

Trotz weit verbreiteten Misstrauens ist der Medienkonsum nicht zurückgegangen. Nachrichten werden täglich gelesen, verglichen, hinterfragt, weitergeleitet und gefiltert. Geändert hat sich nicht, ob junge Menschen Medien konsumieren, sondern wie sie damit umgehen. Viele beschreiben den Nachrichtenkonsum daher weniger als Ausdruck einer Überzeugung, sondern vielmehr als praktische Notwendigkeit.

Dieser Artikel stützt sich auf Interviews mit aserbaidschanischen Jugendlichen und einem Soziologen, um zu untersuchen, wie junge Menschen sich in einer Medienumgebung zurechtfinden, der sie nicht vollständig vertrauen, und was dies über das Leben nach dem Vertrauensverlust aussagt.

Lesen ohne sich darauf zu verlassen

Heyran Amiraliyeva (Name anonymisiert) verfolgt die Nachrichten täglich sowohl über Nachrichtenwebseiten als auch über die Social-Media-Kanäle von Medienunternehmen. Ihr Fokus wechselt zwischen nationalen und internationalen Ereignissen. Doch Vertrauen, erklärt sie, ist nicht ausschlaggebend dafür, ob sie einen Artikel liest.

Es gibt Themen, insbesondere solche, die marginalisierte Gruppen betreffen, über die die lokalen Medien ihrer Meinung nach entweder nicht berichten oder diskriminierende Sprache verwenden. In solchen Fällen wendet sie sich unabhängigen Medien zu. Dennoch liest sie weiterhin lokale Nachrichten, nicht um sich darauf zu verlassen, sondern um sie genau zu beobachten.

Sie liest, um zu sehen, welche Details einbezogen, welche ausgelassen und wie die Sprache verwendet wird. Lokale Medien werden für sie zum Gegenstand der Analyse und nicht zur Autoritätsquelle.

Ali Rashidli (Name anonymisiert) beschreibt einen ähnlichen Ansatz. Er nutzt vorwiegend soziale Medien wie YouTube, Facebook, Instagram und Telegram und verfolgt politische und gesellschaftliche Themen aufmerksam. Gleichzeitig besucht er mindestens einmal wöchentlich aserbaidschanische Nachrichtenwebseiten, nicht weil er sie für uneingeschränkt glaubwürdig hält, sondern weil er verstehen möchte, wie sie Ereignisse darstellen.

Ihn interessiert nicht nur, was berichtet wird, sondern auch, wie Zuverlässigkeit selbst definiert wird: welche Ereignisse hervorgehoben, welche heruntergespielt werden und wie internationale Entwicklungen interpretiert werden.

In beiden Fällen wird, wie die Befragten schildern, auch bei fehlendem Vertrauen weiterhin Medien konsumiert. Die Medien werden nicht gelesen, um ihnen Glauben zu schenken, sondern um sie zu bewerten.

Teilen mit Zögern

Misstrauen wird besonders deutlich, wenn es um den Austausch von Informationen geht.

Heyran Amiraliyeva erklärt, dass sie zögert, Nachrichten zu teilen, wenn sie an der Glaubwürdigkeit der Quelle zweifelt. In solchen Fällen wartet sie lieber ab, bis die Information in Medien erscheint, die sie für zuverlässiger hält. Es gibt jedoch Momente, in denen sie Inhalte teilt, an die sie nicht vollständig glaubt, insbesondere wenn sie vermutet, dass diese verbreitet werden, um die öffentliche Reaktion zu testen.

In solchen Fällen wird das Teilen von Informationen eher zu einer Meinungsäußerung als zur Bestätigung einer Tatsache. Manchmal geschieht dies öffentlich in sozialen Medien, manchmal privat in Einzelgesprächen.

Ali Rashidli verweist auf eine neue Form der Skepsis. Bevor er Videoinhalte teilt, prüft er zunehmend, ob sie möglicherweise von künstlicher Intelligenz generiert wurden, insbesondere wenn er sie an ältere Verwandte senden möchte. Verändert der künstliche Ursprung des Inhalts dessen emotionale oder informative Wirkung nicht grundlegend, teilt er ihn unter Umständen trotzdem. Andernfalls verzichtet er darauf.

Keiner der beiden beschreibt dieses Verhalten als außergewöhnlich. Zögern, Überprüfen und bedingtes Teilen werden als normale Bestandteile der alltäglichen Mediennutzung betrachtet.

Auswahl von Plattformen nach Funktion

Statt sich auf eine einzige vertrauenswürdige Quelle zu verlassen, beschreiben die Befragten einen plattformspezifischen Ansatz. Telegram wird wegen seiner Schnelligkeit und Unmittelbarkeit genutzt, selbst wenn die Genauigkeit unsicher ist. Instagram-Seiten und Influencer bieten eher Tonfall und emotionale Rahmung als detaillierte Informationen. YouTube dient als Raum für Erklärungen, Gewohnheiten und Lernen.

Ali Rashidli beschreibt YouTube als eine sowohl persönliche als auch praktische Entscheidung. Subjektiv betrachtet, sagt er, habe er schon immer über YouTube gelernt; sein Gehirn sei daran gewöhnt. Objektiv betrachtet kombiniert er es mit Telegram oder der in einem Nachrichtenartikel zitierten Primärquelle, um schnell an detailliertere Informationen zu gelangen.

Lokale Nachrichtenwebseiten werden hingegen selten als primäre Quellen genutzt. Sie werden eher beobachtet, um die Art und Weise der Berichterstattung zu verstehen, als um Unsicherheiten zu beseitigen.
Internationale Medien bilden eine eigene Kategorie. Shahla Tagiyeva (Name anonymisiert) verfolgt hauptsächlich Medien wie BBC, The Guardian, DW, Reuters und Forbes über deren Websites und Instagram-Seiten. Lokale Quellen nutzt sie aufgrund mangelnder Transparenz nur selten. Ihre Interessen liegen vor allem in Kunst, Geschichte und Technologie; politische Nachrichten meidet sie, es sei denn, sie haben direkte Auswirkungen auf ihren Alltag.

Doch auch hier bleibt Vertrauen bedingt. „Die Medien können jederzeit manipuliert werden“, fügt sie hinzu. Vermeidung bedeutet für sie keine Distanzierung, sondern eine bewusste Abgrenzung.

Zusammengenommen deuten diese Berichte auf ein strukturiertes und plattformspezifisches Muster der Mediennutzung hin.

Arbeiten ohne Vertrauen

Für Khanim Abbaszada (Name anonymisiert), eine Journalismus-Absolventin, die im Bereich Technologie-News und Content-Erstellung arbeitet, gehört Misstrauen zum beruflichen Alltag.

Sie verfolgt das Weltgeschehen aufmerksam über die Social-Media-Kanäle großer Medienunternehmen und technologieorientierter Portale. Wenn es jedoch um Nachrichten aus Aserbaidschan geht, meidet sie soziale Plattformen, da sie diese für die Berichterstattung über das Inland als unzuverlässig einstuft.

Sie vertraut aserbaidschanischen Nachrichtenmedien nicht vollständig, verfolgt sie aber aus Notwendigkeit. Mehrmals täglich prüft sie die Nachrichten, wählt für ihre Arbeit relevante Meldungen aus und überprüft Informationen anhand offizieller Pressemitteilungen, insbesondere wenn staatliche Institutionen involviert sind.

Ihr Misstrauen beschränkt sich nicht auf die Lokalberichterstattung. Sie meidet aserbaidschanische Medien für internationale Nachrichten gänzlich und begründet dies mit politischer Einseitigkeit, mangelhaften Übersetzungen und der Tendenz, Schnelligkeit über Kontext zu stellen. In der Wirtschafts- und Finanzberichterstattung, so merkt sie an, würden Zahlen oft ohne Erklärung oder Analyse präsentiert, was ihre Glaubwürdigkeit stark einschränke.

Neuigkeiten, ob beruflich oder privat, versucht sie zu vermeiden, wenn die Richtigkeit unklar ist. Doch der berufliche Druck erschwert dieses Prinzip. Die Verzögerung der Veröffentlichung zur Überprüfung von Informationen kann zu Spannungen in der Redaktion führen, wo Schnelligkeit oft Vorrang vor Gewissheit hat.

Emotionen, fügt sie hinzu, sind der häufigste Grund für Genauigkeitsverluste. Nachrichten, die Wut oder Trauer auslösen, erschweren es, eine kritische Distanz zu wahren. Wenn Fehler passieren, sind sie meist eher auf emotionale Intensität als auf mangelndes Bewusstsein zurückzuführen.

Wenn die Analyse verschwindet

Eines der beständigsten Themen in den Interviews ist nicht die Fehlinformation, sondern das Fehlen von Erklärungen.

Abbaszada vertraut in aserbaidschanischen Medien für Analysen keinem einzigen Medium. Um ein Thema eingehend zu verstehen, sammelt sie Informationen aus verschiedenen Quellen, darunter auch Kommentare in sozialen Medien, und nutzt KI-Tools, um Inhalte zusammenzufassen und auf Konsistenz zu prüfen.

Sie nutzt diese Instrumente auch, um zu sehen, wie ähnliche Probleme in anderen Ländern gehandhabt werden. Das ist zwar manchmal hilfreich, liefert aber aufgrund fehlender verlässlicher lokaler Quellen selten spezifische Erkenntnisse zu Aserbaidschan.

Der Prozess ist langsam und anstrengend. Mit der Zeit hat dies ihre Motivation, sich überhaupt mit aserbaidschanischen Analysen auseinanderzusetzen, verringert. Nach und nach verliert sie das Interesse an lokalen Themen, bildet sich Meinungen auf der Grundlage der Erfahrungen anderer Länder und interessiert sich nicht mehr für inländische Nachrichten.

Misstrauen als soziale Reaktion

Die Soziologin Tahmina Jumshudlu argumentiert, dass Medienmisstrauen nicht als individuelle Präferenz, sondern als sozial erzeugte Reaktion verstanden werden sollte.

In Anlehnung an Antonio Gramscis Konzept der kulturellen Hegemonie erklärt sie, dass dominante Mediennarrative eher die Weltanschauung herrschender Gruppen widerspiegeln als die gelebten Erfahrungen marginalisierter Gruppen. Untergeordnete Gruppen, so argumentiert sie, erkennen diese Diskrepanz und entwickeln Misstrauen nicht als Apathie, sondern als Widerstand.

Zu lernen, was man nicht glauben soll, ist untrennbar damit verbunden, zu lernen, was man nicht sagen soll. In Anlehnung an Michel Foucaults Interpretation des Panoptikums merkt Jumshudlu an, dass Familien, Schulen, Arbeitsplätze und öffentliche Institutionen als Räume diffuser Überwachung fungieren. Durch Sozialisation verinnerlichen junge Menschen Selbstzensur und lernen, ihr eigenes Verhalten zu kontrollieren.

In solchen Kontexten wird die Vermeidung von Überzeugungen oder Verpflichtungen zu einer Form des Selbstschutzes. Gleichgültigkeit, so argumentiert sie, wird oft sorgfältig erlernt.

Mediennutzung unter ständiger Unsicherheit

Die Notwendigkeit, Informationen ständig zu überprüfen, erzeugt kognitive und emotionale Anstrengung. Sie fördert zwar Skepsis und kritische Distanz, macht die Auseinandersetzung damit aber auch anstrengend. Mit der Zeit meiden manche junge Menschen Nachrichten ganz, nicht etwa aus Desinteresse, sondern weil sie den Zugang zu verlässlichen Informationen als erschöpfend empfinden.

Jumshudlu merkt an, dass Humor, Ironie und zur Schau gestellte Sorglosigkeit oft als Bewältigungsmechanismen dienen. Diese Haltungen ermöglichen es jungen Menschen, sich von Machtstrukturen zu distanzieren und sich gleichzeitig vor Ausgrenzung zu schützen. Gleichzeitig führen sie selten zu nachhaltigem bürgerschaftlichem Engagement.

In Anlehnung an Jürgen Habermas’ Theorie der Öffentlichkeit argumentiert sie, dass sinnvolle Teilhabe schwierig wird, wenn Medien ihre kommunikative Funktion verlieren und rein strategisch agieren. Junge Menschen werden eher zum passiven Zuschauen als zum Dialog gedrängt.

Nach dem Vertrauen

Die aserbaidschanische Jugend ist weder uninformiert noch gleichgültig. Sie liest, vergleicht, überprüft, wägt ab und teilt Informationen sorgfältig, oft über verschiedene Plattformen und Quellen hinweg.

In europäischen Mediendebatten dreht sich häufig alles um die Frage, wie Vertrauen wiederhergestellt werden kann. Die in diesem Artikel beschriebenen Erfahrungen deuten jedoch auf eine andere Realität hin: Vertrauen war nie stabil genug, um als dauerhafte Grundlage zu dienen. In solchen Kontexten bedeutet schwindendes Vertrauen nicht zwangsläufig Rückzug. Es kann auch als eine Form der Anpassung an langfristige Unsicherheit verstanden werden.

Diese Muster lassen sich zwar nicht auf alle jungen Menschen verallgemeinern, aber ähnliche Muster lassen sich in der Reaktion des Publikums auf Nachrichten in den Kommentarspalten verschiedener Plattformen beobachten.

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