Die in Teil I beschriebene Krise wurzelt in einer Kombination aus steigender Verschuldung, ungelösten rechtlichen Verpflichtungen und einem anhaltenden politischen Stillstand. Bosnien und Herzegowina – ein Land der drei konstituierenden Völker, Bosniaken, Serben und Kroaten – zeichnet sich zudem durch eine stark fragmentierte Medienlandschaft aus, die von drei parallelen Narrativen und nationalistischer Politik geprägt ist.
Nach Jahren provisorischer Reparaturen und wiederkehrender Warnungen steht BHRT, der einzige staatliche öffentlich-rechtliche Rundfunksender des Landes und Stimme aller Bürger von Bosnien und Herzegowina, nun vor der realen Möglichkeit einer vollständigen Abschaltung.
Mehr als Fernsehen
Für viele jüngere Bürger, die mit Streaming-Plattformen und sozialen Medien aufgewachsen sind, mag das Verschwinden eines traditionellen Fernsehsenders nicht katastrophal erscheinen.
BHRT ist aber nicht einfach nur ein Fernsehsender.
Der Sender unterhält landesweit eine Sendeinfrastruktur, darunter Sendernetze, die die von verschiedenen öffentlichen Einrichtungen genutzten Telekommunikationssysteme unterstützen. Laut Gewerkschaftsvertretern bilden diese Systeme auch die Grundlage für die Dienste der Streitkräfte, der Grenzpolizei und der Identifizierungsbehörden.
Im Falle eines Zusammenbruchs von BHRT könnten die Folgen weit über den Journalismus hinausreichen.
Internationale Organisationen haben bereits vor den weitreichenderen Folgen gewarnt. Die EBU und mehrere globale Mediengruppen bezeichneten die drohende Abschaltung als „Krise der Medienfreiheit, aber auch als Sicherheitsrisiko mit regionalen Auswirkungen“.
Es gibt auch eine weitergehende europäische Dimension. Die Europäische Union hat wiederholt betont, dass ein funktionierendes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem eine der wichtigsten demokratischen Voraussetzungen für Bosnien und Herzegowinas Weg zur EU-Mitgliedschaft ist. Ironischerweise könnte das Land bald der einzige Staat in Europa ohne nationalen öffentlich-rechtlichen Rundfunk sein. [1]
Der letzte Ausweg: internationale Intervention
Angesichts der institutionellen Lähmung hat sich die Gewerkschaft BHRT wiederholt an die einzige Autorität in Bosnien gewandt, die in der Lage ist, die politische Blockade zu durchbrechen: das Büro des Hohen Repräsentanten (OHR), einen internationalen Vermittler.
Mithilfe der sogenannten Bonner Befugnisse kann der Hohe Vertreter Entscheidungen treffen, wenn innerstaatliche Institutionen nicht handeln. Solche Interventionen wurden bereits eingesetzt, um größere politische Konflikte beizulegen. Für viele Mitarbeiter des BHRT scheint dies nun der einzig verbliebene Mechanismus zu sein, der den Sender retten kann.
Bislang hat der Hohe Repräsentant sich geweigert, tätig zu werden , und erklärt, die Verantwortung liege allein bei den bosnischen Politikern.
Will das politische System von Bosnien und Herzegowina tatsächlich einen staatlichen öffentlich-rechtlichen Rundfunksender?
Für nationalistische Parteien im gesamten politischen Spektrum des Landes dienen parteinahe Medien oft als bequemere Plattformen zur Durchsetzung ihrer eigenen Ziele. Ein einheitlicher öffentlich-rechtlicher Sender – theoretisch unabhängig und für alle Bürger unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit zugänglich – fügt sich nur schwer in ein System ein, das auf ethnischer Spaltung basiert.
Diese Spannungen bestehen seit der Gründung von BHRT. Doch mit zunehmendem finanziellen Druck und anhaltender institutioneller Vernachlässigung ist die Möglichkeit, dass der Sender einfach verschwindet, nicht mehr undenkbar.
Sollte BHRT den Betrieb einstellen, wird es in Bosnien und Herzegowina weiterhin Medien geben. Kommerzielle Radio- und Fernsehsender werden ihr Programm fortsetzen. Die sozialen Medien werden weiterhin mit Inhalten gefüllt sein. Politische Botschaften werden, wie immer, ihre Kanäle finden.
Was verloren gehen könnte, ist etwas weitaus Subtileres: ein gemeinsamer nationaler Raum für Information, Bildung und Unterhaltung. Öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten fungieren im Idealfall als zivilgesellschaftliche Infrastruktur – Institutionen, die den Bürgern dienen sollen und nicht politischen Parteien, Werbetreibenden oder Algorithmen.
Ob BHRT diesem Ideal stets gerecht geworden ist, ist diskutabel. Doch sollte der Sender vollständig verschwinden, verlöre Bosnien und Herzegowina eine der wenigen verbliebenen Institutionen, die die gesamte Bevölkerung ansprechen. In einem politischen System, in dem fast alles gespalten ist, könnte dieser Verlust gravierender sein, als viele annehmen. Sein Verschwinden würde nicht nur den Verlust eines Senders bedeuten, sondern auch eine weitere Zersplitterung des öffentlichen Raums und eine Schwächung des demokratischen Zusammenhalts in Bosnien und Herzegowina.
[1] Liechtenstein schloss seinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Jahr 2025 nach einem Referendum.
