Zugehörigkeit nach der Mobilität
Zugehörigkeit wird, vielleicht mehr als jede andere Dimension, nach einer Mobilität komplizierter.
Amirova sagt, der Austausch habe ihr kulturelles Selbstverständnis verändert. „Nach dem Austauschprogramm wurde mir klar, dass ich mich der europäischen Kultur viel stärker zugehörig fühle, als ich es mir je hätte vorstellen können“, erklärt sie. Rational betrachtet glaubt sie, dass sie sich in Europa gut einleben und wohlfühlen könnte. Dennoch hat die Erfahrung in ihr nicht den Wunsch geweckt, Aserbaidschan dauerhaft zu verlassen. „Mir ist bewusst, dass der Lebensstandard dort höher ist und ich mich ungleich freier fühle“, sagt sie. „Trotzdem würde ich so lange wie möglich in Aserbaidschan bleiben.“
Ihre Aussage spiegelt ein wiederkehrendes Thema unter Mobilitätsteilnehmern wider: Die Verbundenheit zur Heimat kann mit einem verstärkten Bewusstsein für strukturelle Beschränkungen einhergehen. Erasmus führt nicht automatisch zu Auswanderungsabsichten. Es kann auch den Wunsch zu bleiben verstärken, selbst wenn es die Wahrnehmung von Einschränkungen schärft.
Für Sali wird Zugehörigkeit ortsunabhängig. Erasmus hat ihr geholfen, sich in unterschiedlichen Umgebungen leichter zurechtzufinden und Kontakte zu knüpfen. Das Verlassen des Elternhauses fühlt sich nicht mehr wie ein Bruch an, sondern wie ein Übergang. Shushan hingegen beschreibt, wie sie gleichzeitig zwei Zuhause hat. Norwegen steht für Unabhängigkeit und Selbstfindung. Armenien bleibt Familie, Sprache und Geschichte.
Trotz dieser Erfahrungen löscht Erasmus die Bindung an die Heimat nicht aus. Auch führt es nicht zwangsläufig zu Entfremdung. Vielmehr verändert es die Wahrnehmung. Es verändert, was die Teilnehmenden bemerken, was sie erwarten und was sie als verhandelbar betrachten.
Mobilität erweitert den Horizont, verändert aber auch die eigenen Maßstäbe. Nach ihrer Rückkehr vergleichen Alumni ihren Alltag oft mit ihren Auslandserfahrungen. Diese Veränderung ist nicht unbedingt politischer Natur, sondern vielmehr eine Frage der Wahrnehmung.
Für junge Menschen aus dem Südkaukasus wird Erasmus zu einem Bezugspunkt. Die Heimat bleibt die Heimat, wird aber anders wahrgenommen. Verantwortung kann sich vertiefen, Ambitionen können sich verändern und das Zugehörigkeitsgefühl kann über Grenzen hinausreichen.
Am meisten ändert sich nicht die Geografie, sondern die Perspektive.