Städte ohne Wohnungen: Verzweiflung quantifizieren

Die Daten erzählen eine erschreckende Geschichte, die alles andere als abstrakt ist. Laut Eurostat lebten im Jahr 2024 ganze 42,6 % der jungen Erwachsenen zwischen 18 und 34 Jahren in der Europäischen Union bei ihren Eltern. Diese schockierende Zahl variiert von Land zu Land:

In Kroatien sind es 63,8 %.

In Serbien liegt der Wert laut Studien bei über 70 %.

In Finnland sinkt der Anteil auf nur 16 %.

Diese Statistik ist nicht bloß eine Zahl – sie verschleiert die tiefgreifende Realität eines verzögerten Erwachsenwerdens, beeinträchtigter zwischenmenschlicher Beziehungen und stagnierender persönlicher Autonomie. Auf dem Westbalkan ist die Situation aufgrund niedrigerer Löhne, weniger entwickelter Immobilienmärkte und der langfristigen Traumatisierung durch den Übergangsprozess noch akuter.

In Kroatien, symptomatisch für die Region und die EU, ist das Problem vielschichtig. Laut Daten des kroatischen Statistikamtes liegt die Beschäftigungsquote junger Menschen (15–29 Jahre), die sich nicht in Ausbildung befinden, bei etwa 55 %, und das mittlere Nettoeinkommen junger Arbeitnehmer liegt deutlich unter dem nationalen Durchschnitt. Gleichzeitig haben die Immobilienpreise in Zagreb und den Küstenstädten ein für junge Arbeitnehmer unerschwingliches Niveau erreicht. Analysen der Kroatischen Nationalbank zeigen, dass die Wohnungspreise im letzten Jahrzehnt deutlich schneller gestiegen sind als die Löhne, wodurch die Kluft zwischen Immobilieneigentümern und Miet- oder Kaufinteressenten immer größer wurde. Der Kauf einer durchschnittlichen Wohnung in Zagreb erfordert heute 10,6 Jahreseinkommen, während dieser Wert in der Europäischen Union bei etwa 7,5 Jahreseinkommen liegt.

„Wir sind die ‚Generation der Mieter‘ – ewige Untermieter, die jeden Monat einen Großteil ihres Gehalts auf das Konto anderer einzahlen, wohl wissend, dass das Geld ohne langfristige Sicherheit verschwindet“, sagt Marta Kovac, eine 25-jährige Journalistin aus Zagreb. „Ob wir es wollen oder nicht, das Leben in Kroatien ohne elterliche Unterstützung für eine Anzahlung ist zur soziologischen Fiktion geworden. Das zerstört nicht nur die individuellen Budgets, sondern auch Träume von einer Familie, die Freiheit, den Job zu wechseln, und das Gefühl, einer Gemeinschaft anzugehören. Wir sind zu Nomaden in unseren eigenen Städten geworden.“

In Serbien, Bosnien und Herzegowina sowie Montenegro wird die Situation durch rechtliche Grauzonen, die Schattenwirtschaft und einen schwachen Mieterschutz zusätzlich verschärft. Für junge Menschen bleiben oft nur informelle Verträge ohne jegliche Rechte, Wohnungsbaudarlehen mit jahrzehntelangen Zinsen oder ein längerer Aufenthalt im Elternhaus. Die Weltbank warnt in ihren Berichten immer wieder davor, dass der Mangel an bezahlbarem Wohnraum eines der Haupthindernisse für Wirtschaftswachstum und soziale Mobilität in der Region darstellt. Besonders besorgniserregend ist die Tatsache, dass gut ausgebildete junge Menschen die Region massenhaft verlassen, unter anderem weil sie grundlegende Lebensziele, wie beispielsweise eine sichere Wohnung, nicht erreichen können.

Europäische Modelle: Was können wir lernen?

Während die Lage auf dem Westbalkan nahezu hoffnungslos erscheint, haben einige europäische Länder gezeigt, dass es Lösungen gibt, die diesen negativen Trend umkehren können. Diese Modelle sind zwar nicht universell anwendbar, bieten aber wichtige Erkenntnisse für die Region.

Österreich, insbesondere Wien, hat gezeigt, wie eine langfristige und konsequente Wohnungspolitik Stabilität schaffen kann. Über 60 % der Wiener Bevölkerung leben in Sozialwohnungen. Kernstück ist das System des „geförderten Wohnbaus“, in dessen Rahmen die Stadt günstige Grundstücke, zinsgünstige Darlehen und Steuervergünstigungen für den Bau von bezahlbaren Wohnungen bereitstellt. Diese Wohnungen stehen einem breiten Bevölkerungsspektrum zur Verfügung, nicht nur den Ärmsten. Dadurch wird die Entstehung von Ghettos verhindert und der soziale Zusammenhalt gestärkt.

Dänemark hat durch spezielle Förderprogramme und studentische Gemeinschaften ein ausgeklügeltes System für studentisches Wohnen entwickelt. Über 90 % der Studierenden, die nicht aus Universitätsstädten kommen, werden während ihres gesamten Studiums in Studentenwohnheimen untergebracht. Diese Lösung bietet nicht nur bezahlbaren Wohnraum, sondern schafft auch lebendige studentische Gemeinschaften, die die soziale Integration fördern.

Finnland, das die Zahl der Obdachlosen im letzten Jahrzehnt erfolgreich um über 35 % reduziert hat, wendet das Prinzip „ Housing First “ an. Anstatt erst verschiedene Hilfsangebote in Anspruch nehmen zu müssen, bevor sie eine Wohnung erhalten, bekommen sie direkt eine feste Wohnung mit Unterstützung der Sozialdienste. Dieses Modell wird nun auch für junge Menschen in Risikosituationen geprüft.

Die Niederlande verfügen über eines der am weitesten entwickelten Systeme für sozialen Wohnungsbau in Europa; rund 30 % aller Wohnungen fallen in diesen Sektor. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der engen Partnerschaft zwischen Kommunen, Nichtregierungsorganisationen und Wohnungsbaugesellschaften, die diese Wohnungen langfristig und gemeinnützig verwalten.

Für die Westbalkanregion ist das Beispiel Sloweniens besonders interessant. Mithilfe öffentlich-privater Partnerschaften und EU-Fördermitteln hat Slowenien Programme zum Bau von bezahlbarem Wohnraum für junge Menschen ins Leben gerufen. Besonders erfolgreich ist das Modell der „Jugendwohnungen“, bei denen mit staatlichen Subventionen gebaute Wohnungen zu festgelegten Preisen an junge Menschen unter 35 Jahren verkauft oder vermietet werden.

Politische Lähmung und das Verschwinden des „Gemeinwohls“

Leider verharren die meisten Westbalkanländer in politischer Lähmung, während einige europäische Länder Fortschritte erzielen. Da sich die Immobilienmärkte zu globalen Spekulationsspielplätzen entwickelt haben, ist der Gedanke an Wohnen als öffentliches Gut und Menschenrecht fast vollständig aus dem politischen Diskurs verschwunden. Die Westbalkanstaaten, gefangen im Streben nach rasanter Entwicklung und ausländischen Investitionen, opfern oft die langfristige Wohnungspolitik zugunsten von Investitionsprojekten, die den Wohlhabendsten zugutekommen. Der öffentliche Wohnungsbau, einst eine Säule der sozialen Sicherheit, spielt nur noch eine Randrolle.

Immobilienspekulation hat epidemische Ausmaße angenommen: Laut einer Studie von Transparency International stehen in vielen Balkanstädten über 30 % der Wohnungen in Neubauten leer, während die Eigentümer auf eine Wertsteigerung warten. Diese Praxis treibt nicht nur die Preise künstlich in die Höhe, sondern entzieht den Städten auch das Leben und verwandelt sie in reine Anlageobjekte statt in Wohnorte.

„Es herrscht ein gefährliches Missverständnis, dass Wohnraum allein eine Belastung für den Markt darstellt“, betont Prof. Dr. Ivan Marković, Stadtsoziologe an der Universität Belgrad. „Wenn der Staat seine Rolle als Regulierungsbehörde und Anbieter öffentlicher Güter aufgibt, lässt er nicht nur die Schwächsten im Stich, sondern untergräbt aktiv die Stabilität der Mittelschicht. Wohnraum für junge Menschen ist kein Luxus, sondern eine infrastrukturelle Voraussetzung für eine funktionierende Gesellschaft. Ohne ihn verlieren wir Talente, Kaufkraft und letztlich unsere demografische Zukunft. Auf dem Balkan erleben wir ein Paradoxon: leerstehende Gebäude, umgeben von Generationen, die kein Zuhause finden.“

In der EU gibt es zwar Initiativen wie die „Jugendgarantie“ und Fonds für Stadtentwicklung, doch diese sind oft fragmentiert und reichen nicht aus, um systemischen Belastungen entgegenzuwirken. Die Auswirkungen der Pandemie und der Energiekrise haben diesen Prozess nur beschleunigt und die Miet- und Kaufpreise für junge Familien mit stabilem Einkommen unerschwinglich gemacht. Die Europäische Zentralbank hat mit ihrer Niedrigzinspolitik das Wachstum der Immobilienpreise lange Zeit gefördert, und nun erschwert ein starker Zinsanstieg den Zugang junger Menschen zu Krediten zusätzlich.

Eine Forderung nach einem neuen Gesellschaftsvertrag

Die Wohnungskrise junger Menschen ist kein Naturgesetz, sondern eine direkte Folge politischer Entscheidungen, wirtschaftlicher Modelle und eines fehlenden gesellschaftlichen Willens. Wir können nicht von demografischer Erholung, Innovation oder europäischer Integration sprechen, solange die Generation, die diese Prozesse tragen sollte, um grundlegende Würde kämpft. Jedes Land, das seine Jugend verliert, verliert seine Zukunft.

Ein radikaler Kurswechsel ist notwendig, der eine mutige und umfassende Politik erfordert. Konkrete Maßnahmen müssen Folgendes umfassen:

Die Förderung des öffentlichen Wohnungsbaus wird massiv ausgebaut – durch hohe Investitionen in den Bau von bezahlbaren Miet- und Kaufwohnungen für junge Menschen nach bewährten Modellen aus Österreich und den Niederlanden. Dazu gehören die Bereitstellung von günstigem Bauland und die Subventionierung des Bauvorhabens.

Strenge Regulierungsmaßnahmen – Einführung einer progressiven Steuer auf leerstehende Wohnungen und Luxusimmobilien, strikte Kontrolle der Spekulation und Stärkung der Mieterrechte durch langfristige Verträge und die Kontrolle von Höchstmieten in bestimmten Zonen.

Gezielte steuerliche und kreditbezogene Anreize – subventioniertes Wohnsparen, staatliche Garantien für Erstimmobilienkredite (nach dem Vorbild des deutschen „Bausparkassen“-Systems) und Steuererleichterungen für junge Menschen, die alte Wohnungen mieten oder renovieren.

Innovative Wohnformen – Unterstützung von gemeinschaftlichen Wohnprojekten, Studentenkollektiven, Umwandlung leerstehender Geschäftsräume in Wohnraum und anderen alternativen Modellen, die die Kosten senken und die Gemeinschaft stärken.

Ein ganzheitlicher Ansatz – die Verknüpfung von Wohnungspolitik mit Beschäftigungs-, Bildungs- und Regionalentwicklungspolitik zur Entlastung der Hauptstädte. Die Digitalisierung der Arbeit eröffnet die Möglichkeit, kleinere Orte mit niedrigeren Wohnkosten zu revitalisieren.

Junge Menschen im Westbalkan und in Europa brauchen kein Mitleid, sondern Gerechtigkeit. Sie suchen keine kostenlose Wohnung, sondern die Chance, sich durch eigene Arbeit Sicherheit und eine Zukunft aufzubauen. Wie europäische Länder mit erfolgreicher Wohnungspolitik gezeigt haben, gibt es Lösungen, wenn politischer Wille und eine langfristige Vision vorhanden sind.

Es ist an der Zeit, den Gesellschaftsvertrag zu erneuern. Die Generation, die wirtschaftliche Instabilität, Klimawandel und die digitale Transformation geerbt hat, verdient zumindest die Sicherheit eines eigenen Daches über dem Kopf. Denn eine Gesellschaft, die ihre Jugend zu einem Leben in Mietwohnungen verurteilt, gibt sich selbst und ihre eigene Zukunft auf. Der Kampf um ein Zuhause wird so zum Kampf um das Überleben der Idee einer prosperierenden, geeinten Gesellschaft, die es wert ist, geerbt zu werden.

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