Von Netflix bis Disney: Künstliche Intelligenz auf der großen Leinwand

Generative KI (GenAI) hat die Filmindustrie im Sturm erobert. Erst vor wenigen Wochen veröffentlichte Netflix „The Eternaut“, einen Film mit KI-generierten Spezialeffekten. Auch Disney experimentierte mit KI und testete Berichten zufolge Deepfake-Technologie, um Dwayne Johnsons Gesicht digital auf ein Stuntdouble für das kommende Realfilm-Remake von „Vaiana“ zu übertragen.

Tools wie Midjourney, DALL·E oder Sora können innerhalb von Sekunden Grafiken, Sprachaufnahmen und sogar komplette Designkonzepte erstellen. Für Streaming-Plattformen, die im Wettbewerb mit Konkurrenten wie YouTube oder TikTok um Abonnenten kämpfen, ist dies eine verlockende Abkürzung. Es senkt zudem die Einstiegshürde: Start-ups können nun ganze Serien am Laptop produzieren, wie Amazons neue Showrunner-Initiative gezeigt hat.

Doch hinter den aufsehenerregenden Demos verbirgt sich ein Netz ungelöster Fragen, die den Siegeszug der KI in Hollywood verlangsamen könnten.

Urheberrecht im Zeitalter der Algorithmen

Das größte Problem ist wohl das geistige Eigentum. Disneys Deepfake-Projekt liefert hierfür ein Paradebeispiel. Nach 18 Monaten Verhandlungen mit dem KI-Unternehmen Metaphysic zog sich das Studio aus dem Vertrag zurück. Der Grund: Niemand konnte die Urheberrechte an KI-generierten Inhalten garantieren. Wie das Wall Street Journal berichtete, war das Risiko, die Kontrolle über potenziell lukratives Material zu verlieren, schlichtweg zu hoch.

Das Problem reicht weit über Disney hinaus. Studios wollen ihre Werke vor Kopien durch KI-Tools schützen, sind aber gleichzeitig auf ebendiese Tools angewiesen – von denen viele mit riesigen Datensätzen trainiert wurden, die urheberrechtlich geschützte Inhalte enthalten. Das wirft eine grundlegende Frage auf: Ist die Entwicklung „mit KI“ dasselbe wie das Aufbauen auf der Arbeit anderer?

Angst vor dem Ersatz des Menschen

KI schürt auch die Angst vor dem Ersatz von Menschen – Autoren, Schauspielern, Spezialeffektkünstlern. Die Gewerkschaften in Hollywood hatten dies vorausgesehen. Nach der Streikwelle von 2023 handelten die Writers Guild of America und die Screen Actors Guild Vereinbarungen aus, um Kreative vor der Verdrängung durch KI zu schützen.

Doch es bleiben Bedenken. Werden die Werke von Drehbuchautoren lediglich zu „Trainingsdaten“ für zukünftige KI-Drehbücher? Werden die Abbilder von Schauspielern ohne deren Zustimmung unbegrenzt verwendet? Und wer sollte von KI-generierten Inhalten profitieren – die menschlichen Urheber, die Studios oder die Technologieunternehmen, die die Algorithmen bereitstellen?

Die Studios versuchen, den Schaden zu begrenzen

Als Reaktion darauf versuchen einige Studios, sich selbst zu regulieren. Parallel zu „The Eternaut“ veröffentlichte Netflix eigene KI-Richtlinien für Filmemacher. Das Unternehmen unterteilte die KI-Nutzung in „risikoarme“ Aufgaben wie Brainstorming und „risikoreiche“ Fälle wie Deepfakes oder die Verwendung von Material Dritter – für die eine Genehmigung des Managements erforderlich ist.

Das ist ein deutliches Zeichen dafür, dass die Branche versucht, potenziellen Krisen vorzubeugen. Netflix-Co-CEO Ted Sarandos argumentierte, dass GenAI Filme nicht nur „billiger“, sondern auch „besser“ machen werde. Doch Optimismus und Realität stehen im Widerspruch: Bei unüberlegter Anwendung könnte KI Studios in Rechtsstreitigkeiten und PR-Desaster verwickeln.

PR vs. Innovation

Abgesehen von den Rechtsstreitigkeiten geht es auch um das Vertrauen des Publikums. Zuschauer – insbesondere in Europa und den USA – sind sich zunehmend der Gefahren von KI bewusst: Deepfakes, manipulierte Bilder und die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Ein Studio, das offen KI zur Generierung von Charakteren oder Drehbüchern einsetzt, riskiert Kritik, sein Publikum zu täuschen.

Hollywood ist mehr als eine Industrie – es ist eine Mythenmaschine. Verliert das Kino seinen Zauber, wenn KI zu viel Einfluss gewinnt? Ein Studio, das menschliche Schauspieler durch Algorithmen ersetzt, könnte statt Beifall auf heftige Kritik stoßen.

KI: Werkzeug oder Bedrohung?

Generative KI hält rasant Einzug in die Kreativbranche, doch in Hollywood bringt sie mehr Unsicherheit als Antworten. Ist sie lediglich der nächste Schritt in der Automatisierung – oder der Beginn eines tiefgreifenden Wandels in unserem Verständnis von Kreativität? Können Studios das Urheberrecht in einer Welt schützen, in der die Grenze zwischen Inspiration und Imitation hauchdünn ist?

Die Branche befindet sich derzeit auf einem schmalen Grat: Sie muss den Innovationsdruck mit den Risiken von Rechtsstreitigkeiten, Widerstand der Kreativen und öffentlichem Misstrauen in Einklang bringen.

Eines ist klar: Künstliche Intelligenz schreibt vielleicht noch nicht das letzte Kapitel in Hollywood – aber sie ist definitiv im Drehbuch vorgesehen.

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