Aufbau von Finanzvertrauen in ganz Europa

Am 30. September 2025 stellte die Europäische Kommission eine neue Strategie vor, die Bürgerinnen und Bürger dabei unterstützen soll, intelligentere Finanzentscheidungen zu treffen und ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit zu stärken. Der Plan umfasst zwei Hauptinitiativen: die Entwicklung einer Spar- und Investitionsunion und die Einführung von Spar- und Investitionskonten (SIAs) – ein Instrument, das Investitionen für alle EU-Bürgerinnen und -Bürger vereinfachen und zugänglicher machen soll.

Es ist eine ambitionierte Vision. Doch laut einer Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2023 verfügen weniger als 20 % der Europäer über ein solides Verständnis grundlegender Finanzkonzepte. Die Kluft zwischen den Mitgliedstaaten ist weiterhin groß, was zeigt, dass es sich hier nicht nur um eine Frage von Aufklärungskampagnen handelt – es ist eine systemische Herausforderung.

Die Wissenslücke – und warum sie wichtig ist

Mangelnde Finanzkompetenz führt nicht nur zu schlechten Anlageentscheidungen, sondern birgt auch ein wachsendes Risiko sozialer Ausgrenzung. Die Krise der Lebenshaltungskosten und die COVID-19-Pandemie haben die Fragilität vieler Haushaltsbudgets offengelegt : 16 % der EU-Bürger verfügen über keine Notfallrücklagen, und nur 18 % könnten ihren Grundbedarf länger als drei Monate ohne Einkommen decken.

Finanzielle Stabilität ist daher eine zentrale Priorität der EU. Doch reicht Bildung allein aus, um die Kluft zu schließen? Selbst gut informierte Verbraucher haben Schwierigkeiten, sich in aggressiven Marktpraktiken, Betrugsrisiken und dem ungleichen Zugang zu Finanzdienstleistungen zurechtzufinden.

Ein Schritt in die richtige Richtung: EU-Kompetenzrahmen

Finanzbildung ist in der EU kein neues Thema. Sie wurde bereits im Aktionsplan zur Kapitalmarktunion 2020 hervorgehoben, was zur Schaffung von EU-OECD- Rahmenwerken für Finanzkompetenz führte – eines für Erwachsene und eines für Jugendliche. Diese Leitlinien helfen den Ländern, bessere Strategien zu entwickeln und deren Wirkung zu messen.

Da die Umsetzung jedoch freiwillig erfolgt, sind die Fortschritte uneinheitlich. Ohne gemeinsame Standards und Verantwortlichkeiten könnten Verbesserungen der Finanzkompetenz in den einzelnen Mitgliedstaaten weiterhin uneinheitlich ausfallen.

Spar- und Anlagekonten: Ein neues Instrument mit alten Risiken?

Der zweite wichtige Bestandteil der Strategie – die Spar- und Anlagekonten (SIAs) – zielt darauf ab, Investitionen einfacher und transparenter zu gestalten. Die Idee klingt vielversprechend: ein einziges, benutzerfreundliches Produkt, das Bürgern hilft, ihre Ersparnisse zu vermehren.

Doch die Geschichte lehrt uns warnende Beispiele. In einigen Ländern haben „vereinfachte“ Anlageprogramme zu übermäßigen Risiken für Verbraucher geführt, insbesondere für diejenigen, die die Marktdynamik nicht vollständig verstanden. Die Frage ist nun, ob vereinfachte Anlageprogramme unerfahrenen Nutzern ausreichenden Schutz bieten oder ob sie letztendlich das Risiko von Finanzinstituten auf Privatpersonen verlagern.

Überbrückung der Generationen- und sozialen Kluft

Zwei Gruppen sind besonders anfällig für finanzielle Unsicherheit: junge Menschen und Haushalte mit niedrigem Einkommen. Sie leiden am stärksten unter Inflation, Arbeitsplatzunsicherheit und dem eingeschränkten Zugang zu qualifizierter Finanzberatung. Obwohl die EU-Strategie diese Herausforderungen anerkennt, bleibt es schwierig, diese Zielgruppen effektiv zu erreichen.

Bildungskampagnen richten sich oft an die breite Öffentlichkeit und übersehen dabei, dass Schüler, junge Berufstätige oder Eltern kurz vor dem Ruhestand jeweils maßgeschneiderte Beratung benötigen. Ebenso brauchen Familien mit geringem Einkommen praktische Hilfsmittel und leicht verständliche Ratschläge – nicht nur Theorie.

Bildung allein genügt nicht: Auch der Schutz der Verbraucher ist wichtig.

Die Europäische Kommission betont zu Recht, dass Bildung Hand in Hand mit fairen Regulierungen, transparenten Märkten und einem starken Verbraucherschutz gehen muss. Finanzwissen allein reicht nicht aus, wenn Finanzinstitute weiterhin Informationsasymmetrien ausnutzen oder komplexe, risikoreiche Produkte anbieten.

Von der Hypothekenkrise 2008 bis hin zu jüngeren Anlageskandalen zeigt die Erfahrung, dass Verbraucher oft die Kosten systemischer Fehler tragen. Ohne strengere Regulierung und Durchsetzung laufen die Aufklärungsbemühungen der EU Gefahr, zu einer bloßen Fassade zu verkommen.

Dialog und Zusammenarbeit – Worte in Taten umsetzen

Der Plan der Kommission betont zudem den Dialog zwischen den EU-Institutionen, den Mitgliedstaaten und den Marktteilnehmern. Veranstaltungen wie die gemeinsame Konferenz mit der belgischen Finanzmarktaufsicht (FSMA) im Februar 2024 sollen den Austausch bewährter Verfahren in den Bereichen Finanzbildung und -inklusion fördern.

Konferenzen allein reichen zwar nicht aus, um das Problem zu lösen, sind aber dennoch wertvoll. Echte Fortschritte erfordern strukturelle Lösungen – wie den Ausbau des Zugangs zu kostenloser Finanzberatung und die Schaffung EU-weiter Standards für transparente, risikoarme Anlageprodukte.

Auf dem Weg zu einem finanziell versierten Europa

Die Finanzbildungsstrategie der EU vereint wichtige Ideen: bessere Bildung, intelligentere Instrumente und engere Zusammenarbeit zwischen den Mitgliedstaaten. Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch darin, die Politik in die Praxis umzusetzen.

Solange Europa nicht auch die Einkommensungleichheit, das geringe Vertrauen in Finanzinstitutionen und den schwachen Verbraucherschutz angeht, werden selbst die besten Bildungsprogramme möglicherweise nicht ausreichen.

Die Schaffung eines finanziell gebildeten Europas bedeutet nicht nur, den Menschen beizubringen, wie man spart oder investiert – es geht darum, ein System aufzubauen, in dem jeder Bürger selbstbewusst und sicher an der Wirtschaft teilnehmen kann.

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